Bild zeigen oder nicht zeigen – das ist die Frage!

Autorin: Judith Orland

Bilder sagen mehr als 1000 Worte – das wissen Campaigner/innen nur allzu gut. Doch darf man alles zeigen? Wann bewegen uns Bilder zum Handeln und ab wann bewirken sie das Gegenteil und verstärken das Gefühl der Ohnmacht? Mit diesen Fragen beschäftigte sich kürzlich eine Sendung bei Breitband.

Im Grunde ist es eine alte Diskussion – die aber immer wieder aufs Neue geführt werden muss. Insbesondere jetzt gewinnt die Diskussion erneut an Brisanz und Relevanz, denn wie umgehen mit dem täglichen Sterben im Mittelmeer.

Ein Bild geht um die Welt
Anfang September ging das Foto des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Ailan um die Welt. Der dreijährige Ailan war auf der Flucht nach Europa ertrunken und wurde leblos am Strand von Bodrum aufgefunden. Unter dem Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik, türkisch für: „Die fortgespülte Menschlichkeit“, verbreitet es sich schnell über die sozialen Netzwerken. Es wurde quasi zum Symbol des Leids der Flüchtlinge im Mittelmeer.

Medien-Redaktionen diskutieren
Die Medien griffen die Geschichte auf und in den Redaktionen wurde diskutiert: Sollte man das Foto des Jungen zeigen oder nicht? Während zahlreiche Zeitungen und Online-Medien das Foto veröffentlichten, entschied sich u.a. die Süddeutsche dafür das Bild nicht abzudrucken. In einem lesenswerten Kommentar schrieb Stefan Plöchinger: „Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? (…) Vulgär formuliert: Muss man Ihnen als Leserin oder Leser das Bild eines toten Kindes zum Frühstück zumuten, damit unmenschliche Aspekte der Asylpolitik in Ihren persönlichen Diskurs rücken?“

Aktivist/innen setzen auf emotionale Bilder
Das Zentrum für politische Schönheit würde diese Frage wohl eher mit „Ja – das muss man“ beantworten. Sie würden Bilder toter Flüchtlinge, ertrunkener Menschen, die an den Küsten des Mittelmeers leider immer noch tagtäglich angespült werden, ins Netz stellen und verbreiten. Wir müssen das Ausmaß zeigen, damit sich etwas verändert, so Philip Ruch im Interview.

Auch Avaaz nutzte die Gelegenheit und setzte eine Petition mit Ailans Foto auf. Unter dem Slogan „EU: Niemand soll mehr ertrinken“ haben mittlerweile über 1,2 Millionen Menschen unterzeichnet. Geändert hat das freilich nichts. Andere Organisationen hingegen haben das Foto für ihre politischen Forderungen nicht instrumentalisiert.

Hilfe beim Abwägen und Argumentieren
Zeigen oder nicht – es ist eine Frage der Abwägung. Das Netzwerk Medienethik hat hierzu ein paar Kriterien formuliert, die ich auch für Campaigner/innen ganz hilfreich finde:

1)    Ist die Würde der Abgebildeten ausreichend respektiert?
2)    Sind die Bilder den Leser/innen zumutbar?
3)    Braucht es das Bild, um der Berichtspflicht von Journalist/innen gerecht zu werden?
4)    Braucht es das Bild um den Wunsch, Menschen zum Handeln aufzurufen, umzusetzen?

Wie macht ihr das?
Nach welchen Kriterien entscheidet ihr über die Bilder, die ihr bei Kampagnen verwendet? Müssen wir schockieren, damit Menschen aktiv werden? Oder stumpfen uns schockierende Bilder nur ab? Mit wem führt ihr derartige Diskussion bei in euren Organisationen? Gibt es dafür Raum?

Hier die ganze Sendung zum Nachhören: http://breitband.deutschlandradiokultur.de/brb151107

Linkliste:
[1] http://breitband.deutschlandradiokultur.de/bilder-die-nicht-mehr-loslassen/
[2] http://www.sueddeutsche.de/medien/foto-eines-fluechtlingskinds-was-uns-der-tote-junge-von-bodrum-lehrt-1.2632557
[3] https://secure.avaaz.org/de/no_more_drownings_loc/?slideshow
[4] http://www.netzwerk-medienethik.de/2015/09/03/das-bild-des-toten-ailan-ein-medienethischer-kommentar/

Veröffentlicht am 12. November 2015