Lilian Masuhr: Inklusive Kampagnen – Sprache, Bilder und Events, die jeden ansprechen

Leider sind die allermeisten Medien heute immer noch weit davon entfernt, sowohl barrierefrei, als auch inklusiv zu kommunizieren. Als die Gehörlose Julia Probst zur Fußball-EM 2012 die Lippenbewegungen von Bundestrainer Joachim Löw und anderen verschriftlichte und über Twitter verbreitete, wurde sie dafür zu Recht von Vielen gefeiert. Zu einer vielbeachteten Sportveranstaltung machte sie auf die besonderen Fähigkeiten einer Minderheit aufmerksam und offenbarte damit zugleich, dass das Einbeziehen von Randgruppen immer noch eine Besonderheit ist.

Ein sportliches Großereignis bewegte auch die Referentin Lilian Masuhr und ihre Mitstreiter/innen zu dem Projekt Leidmedien.de. Seit den Paralympischen Spielen 2012 möchten sie auf ihrer Internetseite „Über Menschen mit Behinderung berichten“, journalistische Tipps geben und dabei mit Klischees aufräumen.

Denn viel zu oft wird jenen Menschen in den Medien eine Opferrolle unterstellt. Die Behinderung steht in den meisten Fällen im Vordergrund. Als Beispiele hierfür nennt Lilian Masuhr unter anderem ihren Leidmedien-Kollegen Raul Krauthausen. Über den Wheelmap-Erfinder ist des Öfteren zu lesen, dass er an den Rollstuhl „gefesselt“ und „trotz seiner Behinderung“ sehr erfolgreich sei – als wäre er „normalerweise“ zur Erfolglosigkeit verdammt. Bilder, auf denen im Rollstuhl sitzende Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an diesen gefesselt sind, machen auf der Plattform Leidemedien.de mit Humor auf diese und andere unpassende Redewendungen aufmerksam.

Als positives Beispiel wird das Video Dear Future Mom gezeigt, in welchem Personen mit Downsyndrom zufrieden und auf Augenhöhe gezeigt werden, indem sie selbst zu Wort kommen. Lobend wird außerdem angemerkt, dass die Betroffenen in einen alltäglichen Kontext (Familienleben) gesetzt werden. Denn meist werden körperlich beeinträchtigte Menschen anonym sowie nur im medizinischen Kontext gezeigt und vermitteln einen hilfebedürftigen Eindruck. Positiv, jedoch leider viel zu selten, sind hingegen Bilder von glücklichen Menschen mit Behinderung, die z.B. in einer alltäglichen Situation strahlend in die Kamera lachen.

Ein gelungenes inklusives Kampagnenmotiv lieferte zudem die Modemarke Diesel mit ihrer Kampagne „we are connected“. Ein Model mit und ein Model ohne körperliche Beeinträchtigung werden gemeinsam abgebildet, ohne den Unterschied zu betonen.

Erste Schritte zum inklusiven Campaigning

Für inklusive Kampagnen-Arbeit sollten wir uns grundsätzlich immer fragen, ob alle gesellschaftlichen Gruppen einbezogen werden und ob wir entsprechend agieren.
Aber wo fangen wir an? Mögliche erste Schritte hin zu inklusiven Kampagnen lassen sich im Rahmen von Texten beschreiten. Einen wichtigen Artikel auf der eigenen Internetseite in Leichter Sprache zu verfassen oder ein Textdokument für Blinde aufzubereiten, wäre ein Anfang. Auch im audiovisuellen Bereich lassen sich stufenweise Barrieren abbauen, indem Video-Clips (mit entsprechenden Funktionen der Plattformen) untertitelt und in einem weiteren Schritt in Gebärdensprache übersetzt werden. In den Sozialen Medien hilft es vielen Menschen, wenn gepostete Bilder kurz in Worten beschrieben werden. Inklusive Kommunikation ist jedoch mehr als ein barrierefreier Zugang für alle. Wichtig ist, dass auch alle angesprochen werden. Wir können beispielsweise ganz einfach darauf achten, auf Bildern nicht immer nur die „üblichen“ gesellschaftlichen Gruppen abzubilden, sondern viele unterschiedliche Menschen.

Inklusive Veranstaltungen

Darüber hinaus lassen sich auch Veranstaltungen offener gestalten, als es häufig der Fall ist. Der Ort sollte für alle leicht zugänglich sein und zum Beispiel auch beim Essen alle Gruppen berücksichtigen. Hierzu zählt nicht nur veganes Essen, sondern auch die entsprechende Kennzeichnung des Essens für Allergiker/innen. Die Bühne sollte Vielfalt in Form verschiedener Redner/innen bieten. Häufig sind Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und körperlich oder psychisch Beeinträchtigte nicht vertreten. Und nicht zuletzt sollen auch alle Zuhörer/innen durch Werkzeuge wie Höranlagen, Live-Streams oder Gebärdensprach-Dolmetscher/innen erreicht werden. In der anschließenden Diskussionsrunde merkt ein Teilnehmer aus dem Plenum an, dass „natürlich leider vieles Geld kostet. Gebärdensprachdolmetscher für eine dreitägige Konferenz kosten 30.000 €.“

Aber sicher ist: Eine Vielzahl von einfach zu realisierenden Maßnahmen kann für viele Gruppen von Vorteil sein. Leichte Sätze sind für die Mehrheit besser verständlich, Infografiken tun ihr Weiteres. Ein barrierefreier Zugang kann für körperlich Beeinträchtigte genauso eine Erleichterung sein wie für Menschen mit einem Kinderwagen oder schwerem Gepäck.

Schade, dass die Deutschen Medienmacher, eines der hervorgehobenen Positiv-Beispiele für inklusive Online-Aktivitäten, offensichtlich selbst nicht konsequent inklusiv agieren und mit ihrem Namen scheinbar nur Männer einschließen. Das Beispiel belegt allerdings sehr schön, was von Lilian Masuhr mehrfach angemerkt wird: Inklusion bezieht sich nicht nur auf Minderheiten.

Weitere in der Veranstaltung genannte Beispiele für gelungene Kampagnen:
„Norwegian Association for the Blind“ und „Frag ein Klischee“.

Autor: Jonas Lumpe

Veröffentlicht am 30. März 2015